Was ist Effectuation?
- Michael Giger

- vor 3 Tagen
- 2 Min. Lesezeit
Eine unternehmerische Denk- und Handlungslogik für Situationen mit Unsicherheit
Organisationen und Führungspersonen stehen heute zunehmend vor Situationen, in denen klassische Planung an ihre Grenzen kommt. Ziele sind nicht klar definiert, Rahmenbedingungen verändern sich laufend, und Entscheidungen müssen getroffen werden, ohne dass verlässliche Prognosen möglich sind.
Für genau solche Kontexte wurde das Konzept Effectuation entwickelt.

Ausgangspunkt von Effectuation
Effectuation beschreibt eine unternehmerische Logik, die nicht davon ausgeht, dass Zukunft vorhersehbar oder vollständig planbar ist. Stattdessen fragt sie:
"Wie handeln Menschen wirksam, wenn Ziele unklar sind und Sicherheit fehlt?"
Das Konzept basiert auf der Analyse realer Entscheidungs- und Handlungsweisen erfahrener Unternehmer:innen. Es beschreibt kein Idealmodell, sondern beobachtete Praxis.
Zentral ist die Annahme:
"Zukunft entsteht nicht durch Prognose, sondern durch
konsequentes Handeln im Hier und Jetzt, gemeinsam mit anderen."
Effectuation im Unterschied zur klassischen Planung
Klassische (kausale) Logik folgt meist diesem Muster:
Ziel definieren
Mittel planen
Risiken minimieren
Umsetzung kontrollieren
Effectuation setzt an einem anderen Punkt an:
Ausgangslage klären
Handlungsspielräume nutzen
Einsatz begrenzen
Lernen im Prozess ermöglichen
Beide Logiken haben ihre Berechtigung. Effectuation wird dort relevant, wo Zielklarheit (noch) nicht vorhanden ist.
Die fünf Grundprinzipien der Effectuation
1. Start mit dem Vorhandenen („Bird in Hand“)
Nicht die Frage nach dem Endziel steht am Anfang, sondern:
Wer bin ich?
Was kann ich?
Wen kenne ich?
Entwicklung beginnt bei Identität, Fähigkeiten und Beziehungen.
2. Leistbarer Einsatz statt maximaler Gewinn („Affordable Loss“)
Entscheidend ist nicht, wie gross der potenzielle Ertrag ist, sondern:
Was bin ich bereit zu investieren?
Was kann ich verlieren, ohne mich oder das System zu überfordern?
Diese Logik ermöglicht Handeln ohne existenzielle Risiken.
3. Ko-Kreation statt Konkurrenz („Crazy Quilt“)
Partnerschaften entstehen früh. Andere Akteur:innen werden nicht als Konkurrenz betrachtet, sondern als Mitgestaltende.
Zukunft wird gemeinsam entwickelt – nicht allein entworfen.
4. Unerwartetes nutzen („Lemonade“)
Überraschungen, Abweichungen und Fehler gelten nicht als Störungen, sondern als Lernmaterial. Entscheidend ist, wie mit dem Unerwarteten umgegangen wird.
5. Gestaltbarkeit statt Kontrolle („Pilot in the Plane“)
Die Zukunft wird nicht als äussere Macht verstanden, sondern als etwas, das durch Entscheidungen und Handlungen beeinflusst werden kann.
Handlungsfähigkeit steht vor Kontrolle.
Wofür eignet sich Effectuation besonders?
Effectuation ist besonders hilfreich:
in frühen Entwicklungsphasen
bei Neuausrichtungen
in Innovations- oder Pioniersituationen
bei unklaren Mandaten
in komplexen, dynamischen Umfeldern
Sie ist weniger geeignet dort, wo:
stabile Prozesse dominieren
klare Zielvorgaben bestehen
Verlässlichkeit und Reproduzierbarkeit im Vordergrund stehen
Effectuation und Organisationsentwicklung
Für die Organisationsentwicklung ist Effectuation kein Ersatz, sondern eine ergänzende Denklogik.
Sie stärkt:
Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit
Lernorientierung
Verantwortung im Tun
Beziehungsgestaltung
Gleichzeitig braucht es OE, um:
Rollen und Verantwortlichkeiten zu klären
Strukturen tragfähig zu gestalten
individuelle Initiative in kollektive Ordnung zu integrieren
Effectuation wirkt dort am stärksten, wo sie in einen reflektierten organisationalen Rahmen eingebettet ist.
Fazit
Effectuation ist keine Methode im klassischen Sinn und kein Rezept für schnelle Lösungen.Sie ist eine Haltung zum Handeln, wenn Zukunft offen ist.
Für Organisationen und Führungspersonen eröffnet sie die Möglichkeit,
Unsicherheit nicht zu verdrängen,
sondern bewusst mit ihr zu arbeiten.
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