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Bündner Standard Werte und Haltung: K1 für eine schützende Organisationskultur

21. Sept.
3 Min. Lesezeit

Ein Schutzkonzept entfaltet seine Wirkung nicht allein durch gute Formulierungen. K1 «Werte und Haltung» zeigt, warum eine schützende Organisationskultur vermittelt, gelebt und regelmässig gepflegt werden muss.


K1 Werte und Haltung des Bündner Standards – abstraktes Achsensymbol als Zeichen für eine stabile Präventionshaltung.
K1 Werte und Haltung: Schutz beginnt mit einer gemeinsamen Orientierung.

Haltung wird sichtbar, wenn es schwierig wird

Werte stehen in vielen Leitbildern. Sichtbar werden sie jedoch besonders dann, wenn eine Situation unklar, belastend oder konfliktbehaftet ist.

Wie reagiert eine Führungsperson, wenn jemand eine Grenze anspricht? Wird eine Beobachtung ernst genommen? Gibt es Raum für Unsicherheit? Werden Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse reflektiert? Und wissen Menschen, an wen sie sich wenden können?

K1 «Werte und Haltung» setzt genau hier an. Der Schutz der Integrität von Menschen wird als Frage der Haltung und der Sicherheit beschrieben. Grundhaltungen sollen auf Leitungsebene und als Kultur in der Organisation vermittelt, gelebt und gepflegt werden.


Schutz gilt unabhängig von Hierarchie und Abhängigkeit

Eine zentrale Grundlage von K1 ist die Gleichwertigkeit des Menschen. Der Schutz der psychischen, körperlichen und sexuellen Integrität soll unabhängig von Hierarchiestufen und Abhängigkeitsverhältnissen gelten. Besonders schutzbedürftige Menschen benötigen dabei besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt.

Für Organisationen bedeutet das: Schutz darf nicht davon abhängen, welche Rolle eine Person innehat, wie viel Einfluss sie besitzt oder wie abhängig sie von einer anderen Person ist.

Eine schützende Haltung fragt deshalb nicht zuerst:

«Wer hat welche Position?»

Sondern:

«Was braucht es, damit die Integrität aller Beteiligten gewahrt bleibt?»

Bündner Standard: Werte und Haltung im Organisationsalltag

Vier Haltungsdimensionen für den Organisationsalltag


1. Gleichwertigkeit

Menschen werden unabhängig von Rolle, Funktion und Hierarchie als gleichwertig geachtet. Das ist besonders relevant in Organisationen, in denen Verantwortung, Expertise und Abhängigkeiten unterschiedlich verteilt sind.


2. Schutz der Integrität

Psychische, körperliche und sexuelle Integrität sollen geschützt und gewahrt werden. K1 richtet den Blick damit auf die ganze Person und nicht nur auf einzelne sichtbare Verhaltensweisen.


3. Achtsamkeit für Grenzen

Eine Kultur der Achtsamkeit nimmt eigene Grenzen und die Grenzen anderer ernst. Grenzen sollen transparent gemacht, respektiert und dort besprochen werden, wo Unsicherheit entsteht.


4. Besprechbarkeit

Eine Organisation braucht Räume, in denen Erfahrungen, Unsicherheiten und schwierige Situationen angesprochen werden können. Die Quelle betont den regelmässigen Austausch darüber, was angemessen ist und wie professionelle Nähe und respektvolle Distanz gestaltet werden.

Besprechbarkeit bedeutet nicht, jede Situation öffentlich zu machen. Sie bedeutet, dass es passende Gefässe, klare Ansprechpersonen und eine Kultur gibt, in der Grenzfragen nicht automatisch tabuisiert oder individualisiert werden.


Haltung braucht Rahmenbedingungen

Eine gemeinsame Haltung entsteht nicht allein durch gute Absichten. Sie braucht Strukturen, die Orientierung geben und im Alltag genutzt werden können.

Dazu gehören beispielsweise:

  • verständliche Regeln und Absprachen;

  • geklärte Verantwortlichkeiten;

  • Möglichkeiten für Austausch, Reflexion und Fallbesprechung;

  • sichere Wege, um Unsicherheiten oder Beobachtungen anzusprechen;

  • wiederkehrende Auseinandersetzung mit Nähe, Distanz, Macht und Abhängigkeit.


K1 bildet damit die Grundlage für die weiteren Kernelemente. Kodex, Einstufungsraster, Erfassungsformular, Meldestellen und Nachsorge können ihre Funktion besser erfüllen, wenn die Organisation die dahinterliegende Haltung gemeinsam trägt.


Prävention ist ein fortlaufender Lernprozess

Der Bündner Standard beschreibt Prävention in drei Phasen: Vorbeugen, Vorgehen und Nachbearbeitung. K1 prägt alle drei Phasen.

Beim Vorbeugen geht es darum, eine Kultur zu fördern, in der Grenzen wahrgenommen und respektiert werden.

Beim Vorgehen geht es darum, Hinweise und Meldungen ernst zu nehmen und auf vereinbarte Abläufe zurückgreifen zu können.

In der Nachbearbeitung geht es darum, Erfahrungen sorgfältig zu reflektieren, Betroffene und Beteiligte angemessen zu unterstützen und aus dem Geschehen zu lernen.


Fünf Leitfragen für Organisationen

Die folgenden Fragen können als Einstieg in eine gemeinsame Reflexion dienen:

  1. Welche Werte sollen unser Handeln im Kontakt mit Menschen leiten?

  2. Wie zeigen Leitungspersonen, dass Schutz und Integrität Priorität haben?

  3. Wo können Mitarbeitende Unsicherheiten und Grenzfragen ansprechen?

  4. Wie reflektieren wir Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse?

  5. Welche Regeln und Absprachen sind für Mitarbeitende und Adressat:innen sichtbar und verständlich?


Diese Fragen ersetzen keine fachliche Analyse und kein organisationsspezifisches Konzept. Sie können jedoch helfen, aus abstrakten Werten konkrete Gespräche und nächste Schritte zu entwickeln.


Haltung ist kein fertiger Text

Eine schützende Haltung ist nicht mit einem einmal verabschiedeten Leitbild abgeschlossen. Sie muss im Alltag vermittelt, gelebt und gepflegt werden.

Dazu braucht es wiederkehrenden Austausch, die Bereitschaft zur Reflexion und den Mut, auch Unsicherheiten zu benennen. Der Bündner Standard lebt gemäss K1 von Alltagstauglichkeit, Diskussion und gemeinsamer Auseinandersetzung.

Eine schützende Haltung entsteht dort, wo Menschen regelmässig darüber sprechen, was respektvoll, angemessen und sicher ist – und gemeinsam Verantwortung dafür übernehmen.

Fazit

K1 «Werte und Haltung» macht deutlich: Schutz beginnt nicht erst mit einem Formular und endet nicht mit einer Regel.

Er beginnt mit der Frage, wie Menschen in einer Organisation gesehen werden, wie Verantwortung verstanden wird und ob Grenzfragen besprechbar sind. Erst wenn diese Haltung im Alltag verankert ist, können weitere Instrumente ihre volle Wirkung entfalten.


Wo steht Ihre Organisation beim Schutz der persönlichen Integrität?Die zehn Kernelemente des Bündner Standards bieten einen strukturierten Ausgangspunkt für eine gemeinsame Standortbestimmung und die weitere Entwicklung.Sinnesis begleitet Organisationen dabei, Prävention wirksam zu verankern – von der ersten Standortbestimmung bis zur organisationsspezifischen Umsetzung.

Möchten Sie mehr erfahren? Kontaktieren Sie uns – wir begleiten Ihre Organisation gerne auf diesem Weg.


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