Wenn ein Standard neue Wege geht: Der Bündner Standard bei den Winterthurer Musikfestwochen
Aktualisiert: 16. Aug.
Die Winterthurer Musikfestwochen (MFW) ist kein gewöhnliches Festival. Über 1'200 freiwillige Helfer:innen, rund 60 ehrenamtliche OK-Mitglieder, ein professionelles Büroteam, Künstler:innen, Bandbetreuung, Stage Crew, Sicherheitsdienst, Sanität – und mittendrin: Tausende von Besuchenden, die gemeinsam Musik erleben wollen. Ein Werk von vielen, wie es im Jahresbericht 2025 treffend heisst.
Genau diese Komplexität war der Ausgangspunkt für ein bewusstes Experiment, das wir als Sinnesis gemeinsam mit den MFW gewagt haben.

Awarness-Team an den Winterthurer Musikfestwochen
Bild mit freundlicher Genehmigung ©Eris_Wernli
Eine starke Grundlage – und eine offene Frage
Die MFW verfügen bereits über ein etabliertes Awarenesskonzept: mit Awareness-Team, Awareness-Stand, Safer Spaces, Hotline, digitalem Meldekanal und einem Handlungsleitfaden für den Festivalbetrieb. Das ist für einen Kulturanlass dieser Grösse aussergewöhnlich.
Trotzdem stellte sich eine wichtige Frage: Wie kann der Schutz der persönlichen Integrität nicht nur für das Publikum, sondern für alle Menschen weiterentwickelt werden, die ein Festival möglich machen – für Mitarbeitende, OK-Mitglieder, freiwillige Helfer:innen, Künstler:innen und weitere Beteiligte?
Für diese Weiterentwicklung haben sich die MFW gemeinsam mit Sinnesis auf ein bewusstes Experiment eingelassen:
Der Bündner Standard wird auf den Kontext eines grossen Musikfestivals übertragen.
Der Bündner Standard – eine Organisationsperspektive
Der Bündner Standard wurde nicht primär für Musikveranstaltungen entwickelt. Er ist ein organisationsbezogener Referenzrahmen für Prävention, Intervention und Nachsorge bei Grenzverletzungen und Gewalt – entstanden in Graubünden, heute schweizweit anerkannt.
Als Schweizer Unternehmen mit drei zertifizierten Berater:innen im Bündner Standard begleiten wir bei Sinnesis Organisationen dabei, diesen Standard nicht nur zu verstehen, sondern ihn wirksam in den Alltag zu übersetzen. Unsere Hauptkontexte sind sozialpädagogische Einrichtungen, Alters- und Pflegeheime und Kirchen – doch die Grundprinzipien des Standards sind breiter anwendbar, als man zunächst denken könnte.

Bild mit freundlicher Genehmigung ©Shirley_Michael
Dazu gehören insbesondere:
eine Kultur der Achtsamkeit und des Hinschauens,
eine 360-Grad-Sicht auf mögliche Konstellationen,
klare Verhaltensregeln und nicht tolerierbare Handlungen,
geregelte Meldewege und Zuständigkeiten,
eine nachvollziehbare Einstufung von Vorfällen,
Schutz, Unterstützung und Nachsorge für betroffene Personen.
Die Herausforderung besteht darin, diese Prinzipien in eine Organisation zu übersetzen, die während weniger Tage sehr viele Menschen, Rollen und Schnittstellen miteinander verbindet.
Vom Awarenesskonzept zum umfassenderen Schutzkonzept
Das bestehende Awarenesskonzept der MFW bildet eine wichtige Grundlage für den Umgang mit Vorfällen auf dem Festivalgelände. Im gemeinsamen Prozess haben wir den Blick erweitert.
Neben den Besuchenden wurden auch organisationsinterne Konstellationen betrachtet:
Freiwillige untereinander,
OK-Mitglieder und Freiwillige,
Mitarbeitende und Organisationskomitee,
Künstler:innen, Bandbetreuung und Stage Crew,
Sicherheits- und Ordnungsdienst, Sanität und Awareness-Team.
Gerade in diesen Schnittstellen entstehen unterschiedliche Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse. Künstler:innen bewegen sich beispielsweise in einem besonderen Backstage-Kontext. Freiwillige übernehmen Verantwortung, verfügen aber nicht immer über dieselben Entscheidungsmöglichkeiten wie Bereichsleitungen oder Festivalverantwortliche. Ein wirksames Schutzkonzept muss diese Realitäten berücksichtigen.
Das Experiment bedeutet nicht: alles neu machen
Die MFW beginnen nicht bei null. Vielmehr geht es darum, Bestehendes zu verbinden, Lücken sichtbar zu machen und Zuständigkeiten zu klären.
Im Zentrum stehen deshalb pragmatische Fragen:
Wer ist ansprechbar, wenn eine Person etwas beobachtet oder selbst betroffen ist?
Was tun Freiwillige, wenn sie eine Grenzverletzung wahrnehmen?
Wann reicht eine interne Klärung, wann braucht es die Leitung oder externe Fachstellen?
Wie werden Vorfälle vertraulich dokumentiert?
Wie können Betroffene Unterstützung erhalten, ohne dass sie ihre Geschichte mehrfach erzählen müssen?
Wie werden Awareness, Krisenorganisation, Sicherheitsdienst und Festivalleitung miteinander verbunden?
Der Anspruch lautet nicht, kurz vor dem Festival ein perfektes Gesamtsystem zu bauen. Entscheidend ist, die wirksamsten und realistisch umsetzbaren Massnahmen zu identifizieren.
Die wichtigsten Hebel: Menschen handlungsfähig machen
Bei rund 1'200 freiwilligen Helfer:innen ist es nicht realistisch, alle Personen kurzfristig umfassend zu schulen.
Der zentrale Hebel liegt deshalb bei den Multiplikator:innen: bei OK-Mitgliedern, Bereichsleitungen und Schichtverantwortlichen.

Sie müssen nicht alle Vorfälle selbst beurteilen oder lösen. Aber sie müssen wissen:
wie sie ruhig und unterstützend reagieren,
wie sie betroffene Personen ernst nehmen,
wann und wohin sie weiterleiten,
welche Informationen vertraulich bleiben müssen,
wann sofortige Unterstützung erforderlich ist.
Eine zentrale Botschaft lautet dabei: Du musst es nicht allein lösen – aber du musst handeln und die richtige Stelle beiziehen.
Parallel dazu braucht es klar benannte Meldestellen, verständliche Eskalationswege und eine gute Abstimmung zwischen internen Vertrauenspersonen, Awareness-Team und externen Fachstellen.
Lernen während des Festivals
Das Jahr 2026 ist für die MFW ein Lern- und Entwicklungsjahr. Die Massnahmen werden vor dem Festival vorbereitet, während des Festivals angewendet und anschliessend gemeinsam ausgewertet.
Dabei interessiert nicht nur, wie viele Meldungen eingegangen sind. Ebenso wichtig sind qualitative Fragen:
Waren die Meldewege bekannt und zugänglich?
Haben sich Mitarbeitende und Freiwillige handlungsfähig gefühlt?
Haben die Zuständigkeiten funktioniert?
Wo entstanden Unsicherheiten oder Verzögerungen?
Welche Konstellationen wurden bisher übersehen?
Eine höhere Zahl von Meldungen bedeutet dabei nicht automatisch, dass ein Festival unsicherer geworden ist. Sie kann auch zeigen, dass Menschen Vertrauen gefasst haben und vorhandene Angebote tatsächlich nutzen.
Ein Standard als Entwicklungsrahmen
Der Bündner Standard liefert keine fertige Schablone für die Winterthurer Musikfestwochen. Er bietet vielmehr eine fachliche Orientierung, um die eigene Organisation kritisch und konstruktiv weiterzuentwickeln.
Das Experiment der MFW zeigt: Standards können auch ausserhalb ihres ursprünglichen Anwendungsfeldes wertvoll sein – wenn sie nicht schematisch übernommen, sondern sorgfältig an die eigene Realität angepasst werden.
Die MFW sind dabei nicht allein. Initiativen wie Helvetia Rockt – mit ihrem eigenen Awareness Lab speziell für Clubs und Festivals – zeigen, dass die Schweizer Musikbranche das Thema Schutz und Awareness zunehmend ernst nimmt. Sinnesis freut sich, Teil dieses wachsenden Netzwerks zu sein.
Nach dem Festival geht es weiter
Nach dem Festival werden die Erfahrungen ausgewertet. Daraus sollen längerfristige Massnahmen und eine weiterentwickelte Schutz- und Integritätsstruktur für die Musikfestwochen 2027 entstehen.
Als Schweizer Unternehmen mit drei zertifizierten Berater:innen im Bündner Standard unterstützen wir bei Sinnesis Organisationen dabei, Schutzkonzepte nicht nur zu formulieren, sondern im Alltag wirksam zu verankern – ob in sozialpädagogischen Einrichtungen oder, wie hier, in einem der grössten Musikfestivals der Deutschschweiz.
Schutz der persönlichen Integrität entsteht dort, wo Haltung, klare Strukturen und konkrete Handlungssicherheit zusammenkommen.
Möchten Sie mehr erfahren? Kontaktieren Sie uns unter www.sinnesis.ch – wir begleiten Ihre Organisation gerne auf diesem Weg.

Michael Giger Sinnesis GmbH

